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In frostigen Höhen

Ecuador
Text & Fotos: Mirco Lomoth
FAS | NR.39 – 27.09.2009

   ls das Gewitter kam, war sie nicht ins Haus gegangen. Deswegen war ihr Sohn weiß geboren. Später nannten sie ihn Taita Chimborazo, wie sie den Berg nannten. Ein Leben lang war er, der Hellhäutige, an seinen Flanken empor gestiegen, bis knapp unter die gefrorenen Zöpfe des Berges, um das Eis zu schlagen und es im Tal zu verkaufen. Er war auf dem Weg gegangen, auf dem jetzt Carmen geht, schnellen Schrittes und ohne schweren Atem. Schon als kleines Mädchen war sie mitgelaufen, barfuß bis zum Eis. Jetzt stecken ihre Füße in derben Gummistiefeln, sie trägt einen schwarzen Faltenrock und über den Schultern ein dickes blaues Wolltuch. Er war wie der Berg mein Großvater, sagt sie, mit weißer Haut und weißen Haaren.

Wir wandern durch hohes Gras, vorbei an Kartoffelfeldern, Lupinen und Quinoa, die hier allesamt auf 3800 Metern noch wachsen. Vor uns treibt Baltasar seine Esel mit einem spitzen Nagel den Berg hinauf. Irgendwo hält er an und schneidet büschelweise das sehnige Ichu-Gras aus einer Wiese, bindet Schnüre daraus und verschwindet im dicken Nebel. Der gewaltige Schatten des Berges lässt sich nur erahnen. Stattdessen konturlose Ausschnitte – graue Geröllfelder, stoppelige Wiesen und saftig-grüne Moos-Bälle, aus denen feuerrote Chuquiragua mit pinselartigen Blüten hervorstechen.

Die leidensfähige Vegetation des páramo. Eisig weht der Wind, von einer Minute auf die andere fällt Hagel. Das Herz schlägt einem zuerst im Nacken, es pocht, als wolle es sich dort einnisten, dann am Kehlkopf und wenn man nach 1200 Höhenmetern oben ist, will es einem fast aus dem Mund springen. Razu Sukurna, die Eismine. Hier schlagen sie seit Jahrhunderten das Eis aus einer eiszeitlichen Moräne, die sich unterhalb der eigentlichen Schneegrenze erhalten hat. Baltasar Ushca legt seinen dunkelroten Poncho ab, auf dem Kopf trägt er einen braunen Filzhut. Ein kurzes stolzes Lächeln huscht über sein Gesicht, als er das Eis erblickt, wie es bläulich-weiß unter einer Schicht aus Erde und Geröll aus dem Berg wächst. Das Material, aus dem sein Leben ist. Seine Kälte ist ihm vertraut, längst spürt er keinen Schmerz mehr in den Fingern. Er greift zur Spitzhacke und schlägt einen langen Spalt ins Eis, immer tiefer. Wortlos. Eissplitter fliegen durch die Luft. Und noch einen Spalt, und noch einen, bis ein Block geformt ist, der nur noch mit der Rückseite an der Eisader hängt. Die Eisenstange, ein paar gezielte Schläge mit der ganzen Wucht seines Körpers und das Eis bricht in drei gleich großen Stücken aus der Mine. Maßarbeit …

— Ganzer Text in FAZ NR. 39 – 27.09.2009