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Der Öko-Strom

Text & Fotos: Mirco Lomoth
FAS | NR. 27 – 10.07.2011

   ier endet er, stemmt sich gegen das Meer, die Wellen der Karibik gehen unter in seinen Wassern. Wir drehen bei, der Außenborder dröhnt, der Rumpf des Bootes klatscht auf dem Wasser. Filemo McCrea steuert in einen schmalen Kanal, der sich zu einer weiten Lagune öffnet, Kokospalmen hängen über dem Ufer, ein Krokodil peitscht davon, die Luft schmeckt feuchtwarm-salzig, nach Karibik. Der San Juan ist ein gewaltiger Fluss, breit, aber nie sehr tief, etwa 200 Kilometer fließt er vom Nicaraguasee durch teils unberührte Regenwaldgebiete zur Karibik, wo er sich zu einem Wirrwarr aus Kanälen, Inseln und Lagunen verästelt. Dicke Bullenhaie ziehen flussaufwärts, Spitzkrokodile und Kaimane liegen mit offenen Mäulern an seinen Ufern, Boote ohne Tiefgang fahren auf und ab, zwischen dem Städtchen San Carlos am Nicaraguasee und San Juan de Nicaragua an der Mündung, transportieren Menschen und Waren, wo es keine Straßen gibt. Filemo macht an einem Holzsteg fest, ein überfluteter Weg führt in den Wald, es hat viel geregnet in den letzten Wochen. Er ist Touristenführer und wenn Touristen bis hierher kommen, auf die weltabgewandte Seite des San Juan, dann wollen sie die Gräber von Greytown sehen. Wir waten mit Gummistiefeln durch den Regenwald und stehen plötzlich mitten in einem Guerilla-Camp.

Zumindest sieht es danach aus – Feldkochtöpfe dampfen über Holzfeuern, schwere Lederstiefel baumeln aus Hängematten, Gewehre lehnen an Bäumen, ein Soldat spielt mit einem Reptil, das er an einer Schnur hält, ein grüner Stirnlappen-Basilisk. Es ist ein provisorisches Lager der nicaraguanischen Armee, der Kommandant winkt uns durch, aber keine Fotos bitte, hier geht es um die Souveränität Nicaraguas. Das Südufer des San Juan gehört größtenteils zu Costa Rica, sein Wasser zu Nicaragua, beide Länder streiten immer wieder um den genauen Grenzverlauf, gerade geht es um eine Insel im Mündungsdelta. Política pués, sagt Filemo. Auf einer Lichtung stehen bemooste Grabssteine im knietiefen Wasser, erzählen von einer Zeit, als Greytown der wichtigste Hafen Nicaraguas war. Der amerikanische Großunternehmer Cornelius Vanderbilt hatte 1851 eine Schiffsroute eingerichtet, die von New York über den San Juan nach San Francisco führte, tausende Goldschürfer reisten damals auf dieser Route nach Kalifornien. Die Reise dauerte 45 Tage. Einer der zahlenden Reisegäste im Dezember 1866 war Samuel Langhorne Clemens. Er war auf dem Weg von San Francisco nach Europa, seine Nicaragua-Notizen wurden wenige Monate später in der Tageszeitung Alta California veröffentlicht – unter dem Pseudonym Mark Twain…

Ganzer Text in FAZ  NR. 27 — 10.07.2011