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AUS DEM STAUB GEMACHT

TEXT & FOTOS: MIRCO LOMOTH
FAS | NR.11 – 2016

   osfahren, der gelben Linie auf der Straße bis zum Horizont folgen. Im Rückspiegel schrumpfen die Häuser von Balmaceda in der kahlen Weite des patagonischen Frühlings zu Spielzeuggröße. Südbuchen und Scheinbuchen stehen als verkrüppelte Gerippe am Straßenrand, in ihren Ästen hängen graugrüne Moosschweife und gelbe Mistelbälle. Schafe und Kühe grasen auf den Weiden, ein Mann mit einer Baskenmütze öffnet ein Gatter, silbrig verwitterte Pfosten. Dann für Kilometer nur noch Einsamkeit. Die Straße schraubt sich hinauf in eine frostige Bergwelt mit schwarzen Nadelbäumen und vereisten Wasserfällen. Wolkenschatten zeichnen flüchtige Muster auf Schneefelder.

Das ist es, was diese Straße verspricht: Die Freiheit, loszufahren, sich von einer Landschaft einsaugen zu lassen, immer eine Kurve weiter, ins nächste Tal, auf die nächste vom Wind gepeitschte Anhöhe, weiter nach Süden. Am Flughafen von Balmaceda ging es heute Morgen in einem gemieteten Geländewagen los. Sechs Tage lang wird die Reise dauern.

Rund 1250 Kilometer führt die Carretera Austral durch die dünn besiedelten chilenischen Regionen Los Lagos und Aisén, von der Hafenstadt Puerto Montt im Norden bis zu dem kleinen Örtchen Villa O’Higgins im Süden. Drei Wochen braucht man für die ganze Strecke. Einfacher ist es, sich eine Teilstrecke vorzunehmen, etwa von Puerto Montt aus die nördliche Carretera Austral zu erkunden oder von Balmaceda die südliche. Ich will die rund 500 Kilometer bis zu dem abgelegenen Holzarbeiterdorf Tortel fahren.

Diktator Augusto Pinochet beauftragte das chilenische Militär in den 1970er Jahren mit dem Bau der Schotterpiste. Tausende Soldaten schlugen sie Kilometer für Kilometer durch dichten Regenwald, vorbei an Fjorden, über reißende Ströme und Pässe. Bald kamen die ersten Reisenden, erkundeten diesen unberührten Teil Chiles mit Wohnmobilen, Motorrädern, per Anhalter und mit dem Fahrrad. Es entstanden Pensionen und Hotels, Abschnitte der Straße wurden asphaltiert, doch den Ruf einer Abenteuerpiste hat sich die Carretera Austral bis heute erhalten. Zu Recht. Tankstellen gibt es unterwegs nur wenige, Schlaglöcher und loser Schotter erschweren das Fahren, und oft ist man für viele Kilometer allein mit einer rauhen Natur.

Serpentinen schrauben sich hinab in eine Ebene. Unten steht ein kleiner Holzkiosk, davor sitzt eine Frau mit rotem Wollpullover und rötlichen Haaren. Ich halte an und steige aus, spüre die wärmende Oktobersonne auf der Haut. Die Frau bittet mich hinein, zeigt Gläser mit selbstgemachter Rhabarbermarmelade, selbstgestrickte Mützen und Pantoffeln aus Schafswolle. Viele Jahre, erzählt sie, habe sie in der Stadt Coihaique weiter nördlich gelebt, dann seien die Kinder fortgegangen und es habe sie an den Ort ihrer Jugend zurückgezogen.

„Meine Großeltern gehörten zu den ersten Siedlern in diesem Tal, damals gab es hier noch keine Straße, nichts.“


Mit ihrem Mann hat sie ein Stück Land gekauft, ein Holzhaus gebaut, ein Gewächshaus und ihren Kiosk, den sie „Sueño Patagón“ getauft hat. Von ihrer Terrasse schaut sie auf die schneebedeckten Spitzen des Cerro Castillo, der wie ein vergessenes Schloss über der Ebene thront. Hinter dem Örtchen Cerro Castillo, etwa 70 Kilometer südlich von Balmaceda, verwandelt sich die Carretera in eine Schotterpiste, die im Rückspiegel in einer dichten Staubwolke verschwindet. Ein Gaucho treibt eine Herde Kühe vor sich her, drei Hunde tänzeln um sein Pferd herum. Er grüßt mit seiner Ledergerte. Parallel zur Straße fließt ein Fluss, erst schmal und schnell zwischen hohen Uferkanten, bald gemächlich in einem weiten Sandbett, in dem silbergraue Stümpfe toter Bäume stehen und gelb blühende Berberitzenbüsche wachsen. Die Landschaft wirkt, als wäre sie von der Menschheit vergessen worden. Es ist ratsam, rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit am Tagesziel anzukommen, und auf dem Schotter der Carretera Austral sind selten mehr als 60 Stundenkilometer drin. Zu schnell gerät man ins Schlingern und verliert die Kontrolle über das Fahrzeug. Man muss Bodenwellen beachten und Schlaglöchern ausweichen. Wenn mal jemand auf der schmalen Straße entgegenkommt, sind es fast immer Männer mit Baskenmützen, die mit drei Fingern grüßen. Staub dringt durch die Ritzen in der Karosserie, legt sich auf Armaturen und Sitzpolster.

In Puerto Río Tranquilo, einem friedlichen Schachbrettdorf mit flachen Holzhäusern am Ufer des riesigen Lago General Carrera, treibt eisiger Wind kleine Wellen auf einen Kiesstrand. Die meisten Restaurants und Läden sind in der Vorsaison noch geschlossen, die Straßen wie ausgestorben, streunende Hunde und dick eingepackte Kinder verschwinden hinter Häuserecken. Im Hotel „El Puesto“, das ganz aus Holz gezimmert ist, muss ich in Wollpantoffeln schlüpfen, um zum wärmenden Emailleherd vorgelassen zu werden. Lesen auf Schafsfellen.

Am nächsten Morgen liegt die Kälte der Nacht noch über dem Dorf, Rauhreifperlen glänzen auf Grashalmen, blauer Rauch steigt aus Schornsteinen auf. Unten am See wartet ein Bootsmann auf mich, den ich gestern noch angesprochen hatte. Er reißt den Außenborder an, brettert über türkisfarbenes Wasser zu den Capillas de Mármol, einer Reihe von Felsen im See, die von unermüdlichen Wellen ausgewaschen sind. Zu Grotten, deren Decken aussehen wie marmorne Eierkartons, zu steinernen Portalen und schmalen Sockeln, auf denen überdimensionierte Felsinseln sitzen. Südlich von Puerto Río Tranquilo führt die Carretera noch einige Kilometer am See entlang, dann weiter oberhalb des Baker-Stroms, dessen türkisfarbene Wassermassen durch eine Felsschlucht in Richtung Meer drängen. Was für ein Ausblick! Doch meine Foto-Stopps werden immer seltener. Es ist fast so, als gewöhne man sich mit jedem Kilometer etwas mehr an die großformatige Landschaft.

GANZER TEXT IN FAS NR. 11, 20.03.2016